POIC-Bestimmung der ChE-Aktivität / by Alawi Luetz

Bereits seit 1959 wird die Cholinesterase-Aktivität zur Diagnostik von Vergiftungen mit Organophosphaten bestimmt. In den letzten Jahren konnte gezeigt werden, dass der Neurotransmitter Acetylcholin (ACh) als Botenstoff des Parasympathikus die Immunantwort des Körpers über den cholinergen anti-inflammatorischen Reflex steuert.

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Der neuroinflammatrische  Reflex kontrolliert die Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine und somit die Neuroinflammation.

Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass die Aktivität der Cholinesterasen als Biomarker fungieren kann, z.B.

  • bei der Entwicklung eines postoperativen Delirs
  • bei systemischer Inflammation
  • als Prädiktor für die Mortalität bei Patienten mit ECMO

Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass insbesondere ältere Patienten, bei denen häufig nicht nur ein "Priming der Mikroglia" vorliegt, sondern auch ein zentraler Acetylcholinmangel, der hierdurch hervorgerufene Wegfall der "cholinergen Inhibition" bei einer generalisierten Proinflammation im Rahmen eines chirurgischen Eingriffes, ein Delir auslösen kann.

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Mikroglia-Überaktivierung durch Wegfall der cholinergen Inhibition im Rahmen einer systemischen Inflammation postoperativ oder in der Sepsis als Auslöser eines Delirs.

Da ACh aufgrund des sehr schnellen enzymatischen Abbaus durch die AChE nicht direkt messbar ist, ist es notwendig einen entsprechen-den Surrogatparameter für den (zentralen) cholinergen ACh-Haushalt zu definieren. Als hierfür am besten geeignet hat  sich die Bestimmung der erythrozytären AChE-Aktivitäten herausgestellt. Beispielsweise kann bei einer erniedrigten AChE-Aktivität im Vollblut auf eine erniedrigte AChE-Aktivität im ZNS geschlossen werden und damit auf einen zentralen ACh-Mangel (gibt es "Nichts" zu abbauen, sinkt die Enzymkonzentration). Die Vielzahl von auf die BChE Einfluss nehmenden Faktoren mindert deren Sensitivität in Bezug auf die Bewertung des zentralen Transmitterhaushalts im Vergleich zur AChE. Darüber hinaus unterscheiden sich die im Liquor cerebrospinalis gemessenen BChE-Aktivitäten erheblich von den messbaren Plasmaaktivitäten. Klinisch hat die BChE dennoch einen hohen Stellenwert, vor allem als Parameter der Lebersyntheseleistung. Betrachtet man die Publikationen der letzten Jahre, so gewinnt die Butyrylcholinesterase(-Aktivität) als Parameter für den Verlauf von Entzündungsreaktionen und das Outcome von Intensivpatienten, einen immer höheren Stellenwert. Bei Patienten mit Lebersynthesestörungen ist die Interpretation der Messwerte in Bezug auf ein Delir daher allerdings schwierig.

Aufgrund der Möglichkeit, die Messung nunmehr am Patientenbett innerhalb von 5 Minuten durchzuführen, soll diese bei allen Patienten in der PACU mit unklarem Delir erfolgen. Sofern ein AChE oder BChE-Aktivitätsmangel vorliegt, kann die Gabe von 2 mg Physostigmin als individueller Heilversuch sinnvoll sein. Dabei sind unbedingt Kontrainidikation wie beispielsweise eine koronare Herzkrankheit zu beachten. Zudem sollte bei allen Patienten mit einem AChE oder BChE-Aktivitätsmangel, die Applikation anticholinerger Medikamente vermieden werden. Dazu zählt auch das Haloperidol, welches in diesen Fällen nur bei schweren Halluzinationen zur symptomorientierten Therapie angewendet werden sollte.

 

Referenzbereich:

  • AChE: 26.7...50.9 U/gHb bzw.
  • BChE 2300...7000 U/L